Haikus von MML

 

Erschaffe Welten

Woraus Aus dem Stoff der Welt

Seelenblütenstaub

 

Traum der Sterblichen

Im Unendlichen landen

Das wandernde Selbst

 

 

Alles im Wandel

Nur der Große Atem bleibt

Geerdet im Licht

 

 

Aus dem 2015 erschienenen Haiku-Band Ewig und ein Tag 

von Matthias Müller-Lentrodt  

CR beim Freigeist-Verlag Berlin

 

 

 

Ithaca

„Brichst du auf gen Ithaka,

so wünsch dir eine lange Fahrt,

voller Abenteuer und Erkenntnisse.

Die Lästrygonen und Zyklopen,

den zornigen Poseidon fürchte nicht,

solcherlei wirst du auf deiner Fahrt nie finden,

wenn hochgesinnt dein Denken, wenn edle

Regung deinen Geist und Körper anrührt.

Den Lästrygonen und Zyklopen,

dem wütenden Poseidon wirst du nicht begegnen,

falls du sie nicht in deiner Seele mit dir trägst,

falls deine Seele sie nicht vor dir aufbaut.

So wünsch dir eine lange Fahrt.

Der Sommer Morgen mögen viele sein,

da du, mit welcher Freude und Zufriedenheit

in nie zuvor erblickte Häfen einfährst;

halt ein bei Handelsplätzen der Phönizier

die schönen Waren zu erwerben,

Perlmutter und Korallen, Bernstein, Ebenholz,

erregende Essenzen aller Art,

so reichlich du vermagst, erregende Essenzen;

besuche viele Städte in Ägypten,

damit du von den Eingeweihten lernst und wieder lernst.

Stets halte Ithaka im Sinn.

Dort anzukommen ist dir vorbestimmt.

Jedoch beeile deine Reise nicht.

Besser ist, sie dauere viele Jahre;

und alt geworden lege auf der Insel an,

nun reich an dem, was du auf deiner Fahrt

gewannst, und ohne zu erwarten, dass Ithaka

dir Reichtum gäbe.

Ithaka gab dir die schöne Reise.

Du wärest ohne es nicht auf die Fahrt

gegangen.

Nun hat es dir nicht mehr zu geben.

Auch wenn es sich dir ärmlich zeigt, Ithaka

betrog dich nicht.

So weise, wie du wurdest, und in solchem Maß

erfahren, wirst du ohnedies verstanden haben,

was die Ithakas bedeuten.“

 

Konstantinos Kavavis, griechischer Lyriker (1863-1933)

 

Herbst in Florenz                                       

Certosa di Firenze 

Oktober 2005

 

Wolkiger Tagtraum im goldenen Herbst                                                              Der weiße Falter flog vorbei                                                                                 Du sogst vom Nektar der Kunst                                                                           Der Zauber Pontormos wie immer                                                         

wühlt er dich auf mit glühenden Farben                                                                die herbe gelobte Legende                                                          

Veronika dem Herrn begegnet                                                                                 Gethsemane am Eingang der Kartause

Zypressen auf den Hügeln                                                                                     wie Silhouetten in den Mittagsdunst verwoben                                         Augenblicke die wie Früchte reifen                                                                          die Feder getaucht in den Nektar der Freude                                                      die Stunden beschenken noch immer

Der Sang hebt an das Lied                                                                                    der weitet seine Kreise                                                                                 jenseits der Steine                                                                                 Leuchtender Atem                                                                                                und Asche fortgeblasen                                                                                        von einem der weiterzog 

 

Matthias Müller-Lentrodt

 

 

Titel-Gedicht aus dem 2020-21 im Verlag Casanomade

erscheinenden Reise-Buch "Die geflügelte Ferse" Gesammelte Reiseskizzen

von Matthias Müller-Lentrodt

 

 

 

Der Pont Mirabeau   Guillaume Apollinaire (1914)

 

 

 

Unter der Brücke Mirabeau

 

Fließt die Seine und unsre Lieben gehen dahin.

 

Muss ich mich wirklich erinnern?

 

Die Freude folgt doch stets dem Leid!

 

Die Nacht, sie zieh‘ herauf, die Stunde schlägt,

 

Die Tage gehen vorbei, ich bleibe.

 

 

 

Hand in Hand sehn wir uns an,

 

unterm Bogen unsrer Arme

 

zieht die Welle träg hindurch.

 

 Die Nacht, sie nahe sich, O Stunde schlage,

 

die Tage, sie vergehn, doch ich bleibe.

 

 

 

Die Liebe vergeht wie das fließende Wasser.

 

Die Liebe flieht.

 

Wie ist das Leben träge,

 

Und wie heftig ist die Hoffnung!

 

Die Nacht kann nahn, die Stunde schlagen!

 

Die Tage eilen fort, nur ich bleibe.

 

 

 

Tage und Wochen immer schneller ziehn vorbei.

 

Nicht die vergangene Zeit noch kehrt die Liebe wieder.-

 

Unterm Pont Mirabeau fließt die Seine.

 

Komme nun, Nacht, O Stunde, schlage!

 

Allein Ich bleibe.

 

Übertragung aus dem Französischen, März 2015 von MML,

 

 Copyright:  Verlag CN Berlin